Issum. Margrit Reiner aus Mülheim an der Ruhr ist von Beruf Sonderschullehrerin für Hörgeschädigte in Essen. Hier unterrichtet sie unter anderem Kunst in der gymnasialen Oberstufe und Gestaltung in verschiedenen Berufsfeldern.
Sie betrachtet es als großes Glück, dass sie in Ihrem Beruf Kunst und das Zusammenarbeiten mit Menschen miteinander verbinden kann, denn das gehört für sie unbedingt zusammen. Das künstlerische Schaffen ist das eine, der Austausch darüber das andere, was Kunst ausmacht, sagt sie.
Mit keramischen Techniken beschäftigt sie sich schon seit ca. 30 Jahren. Im Studium entdeckte sie das Material Ton für sich. Zunächst hat sie sich ausschließlich mit der menschlichen Figur in sehr kleinen Formaten beschäftigt. Als sie 1998 das Keramik-Atelier von Renate Bonin in Essen-Werden entdeckte, war sie von großen aufgebauten Keramiken beeindruckt, die dort entstanden. In diesem Atelier hat sie in Kursen das aufbauende Verfahren erlernt.
Im Jahre 2002 gab dann eine Ausstellung in Bonn über die Kunst der Hethiter den Anstoß für eine ganze Werkreihe, die auch im His-Törchen zu sehen ist. Es sind „Tiergefäße“ nach dem Vorbild der zu kultischen Zwecken geformten Gefäße dieses fast vergessenen Volkes, das vor ca. 3000 Jahren in dem Gebiet des heutigen Anatolien gelebt hat. Die hoch polierten tiergestaltigen Gefäße aus rotem Ton haben sie so beeindruckt, dass sie sich über mehrere Jahre damit auseinander gesetzt hat.
Dabei war es ihr immer wichtig, etwas Charakteristisches von dem jeweiligen Tier einzufangen. Andererseits suchte sie bei jedem Tiergefäß die passende Art der Öffnung und dabei stand immer die Frage im Mittelpunkt: „Wie viel Tier“ und „wie viel Gefäß“ soll das Objekt verkörpern. Was sie bei solchen Formfindungs-Prozessen besonders berührt ist die Vorstellung, dass schon vor Tausenden von Jahren Menschen genauso mit diesem Material Ton gearbeitet haben und sicherlich dieselben Überlegungen angestellt haben: Wie weit führe ich die Form nach oben, wo gehe ich in die Breite, wann werde ich schmaler etc. ?
Das Herzstück der Ausstellung im His-Törchen aber bildet eine Werkreihe von keramischen Stillleben, die nach Bildern von Pablo Picasso entstanden sind. Dabei geht es ihr darum, den gemalten Objekten ihre Dreidimensionalität zurück zu geben. Die kubistischen Stillleben sind für sie eine besondere Herausforderung, weil die Dinge mehransichtig ins Bild gesetzt wurden und teilweise mit dem Hintergrund verschmolzen und verwoben sind. Ihre Objektgruppen sind eine spielerische Antwort auf die Bildideen Picassos.
Inspirationsquelle für diese Werkgruppe war ein großes Stillleben mit Krug und Flasche, das sie vor einigen Jahren im Picasso-Museum in Münster sah. In diesem Bild ist es nicht zu übersehen, dass der Krug gleichzeitig eine Frau darstellen könnte, eine Tänzerin. Ihre spontane Idee war es, diesen einen Krug so zu formen, dass die Geste der tanzenden Frau noch augenfälliger wird. Bei diesem einen Krug ist es dann nicht geblieben, sie formte weitere Bildelemente und schließlich noch weitere Bilder.
Naturformen bilden das Vorbild für eine dritte Werkgruppe: Steine, Samen oder Muscheln hat sie versucht zu porträtieren, indem sie den Formen genau nachgegangen ist und auch Farben und Oberflächenstruktur versucht hat, so echt wie möglich erscheinen zu lassen. Der Reiz ist für sie, das Typisch-Allgemeine einer Naturform einzufangen, gleichzeitig das Individuelle zu porträtieren, wie zum Beispiel bei einer Gruppe von Kastanien. Sie sind alle irgendwie gleich, aber jede auch wieder anders. Die Beobachtung und das Nachspüren von Naturformen geben in vielerlei Hinsicht Anlass zu Assoziationen für Parallelen im menschlichen Zusammenleben: Der Wunsch nach Zusammengehörigkeit im Gleichsein, das Streben nach Individualität im Anderssein, in den Unterschieden…
An welchen Motiven sich ihr Interesse fest beisst, kann sie vorher nie sagen. Manchmal sind es Besuche in Museen, manchmal Sparziergänge oder Begegnungen mit Menschen oder auch Tieren, die eine Idee liefern. Ganz aktuell sind es noch die Kastanien, die sie weiterhin beschäftigen.
Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag, 19. Februar 2012 um 11 Uhr ist jeder Interessierte herzlich eingeladen.
Öffnungszeiten des His-Törchens:
Dienstags bis donnerstags 8.30 Uhr – 12.30 Uhr und 14.00 Uhr – 15.30 Uhr
freitags 8.30 Uhr – 12.30 Uhr
sonntags 11.00 Uhr – 13.00 Uhr und 15.00 Uhr – 17.00 Uhr
Keramiken nach Vorbildern aus Kunst und Natur von Margrit Reiner
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